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Zeit der Reife


Romana Echensberger MW hat ein Buch über die Biodynamie geschrieben. Inhalt sind zwölf Winzerportäts und u.a. eine Abhandlung über die verschiedenen Produktionsmethoden im Weinberg. Und um diese geht es hier.

Echensperger Romana (2020): Von der Freitheit, den richtigen Wein zu machen. Biodynamisches Winzerhandwerk im Porträt. Frankfurt: Westend.
September 2020

Es ist die Zeit der Lese. Die Winzer und Winzerinnen sind mit ihren Teams draußen in den Weinbergen und an der Weinpresse. In diesen Wochen muss man nicht versuchen, jemanden von ihnen zu kontaktieren. Ein wäre ein Schuss in Blaue. Ich nütze stattdessen die Zeit, mit Romana Echensperger in die Tiefe zu gehen. Ihr Biodynamie-Buch ist dieser Tage erschienen und ein schönbebildeter Wegweiser durch die biodynamische Weinbereitung ohne esoterische Ausreißer.

Auf die wunderbaren Winzerporträts möchte ich hier nicht näher eingehen, lesenswert sind sie alle und die Weine selbstverständlich mehr als empfehlenswert. Mir geht es um das Kapitel, das sich den Weinproduktionsmethoden widmet, dem Vergleich von konventionell, bio und biodynamisch. Es war an der Zeit, sich diesem Thema emotionslos anzunähern und vor allen Dingen auf dem Boden der Forschungsergenisse aus Geisenheim zu bleiben.

Die Weingüter seien hier trotzdem in Romanas Reihenfolge erwähnt: Weninger (Mittelburgenland), Alois Lageder (Südtirol), Frank John (Pfalz), Peter Jakob Kühn (Rheingau), Berhard Ott (Wagram), Domaine Zind-Humbrecht (Elsass), Fred Loimer (Kamptal), Domaine Léo Boesch (Elsass), Clemens Busch (Mosel), Dr. Bürklin-Wolf (Pfalz), Nikolaihof (Wachau), Manincor (Südtirol).

Die Hochschule Geisenheim University liegt im Rheingau und zählt zu den renommiertesten Lehr- und Forschungsanstalten weltweit. Seit 2006 läuft dort INBIODYN, ein Feldversuch zu den Auswirkungen der integriert-konventionellen (also mit Richtlinen versehen und nicht ganz im freien Flug), bio-organischen und biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise auf Reben und Weinberg. Romana war dort und hat mit den zuständigen Herrschaften gesprochen. Das Projekt sei heikel, da die Biodynamie mit Methoden arbeitet, die wissenschaftlich schwer zu überprüfen seien. Der Schuss hätte auch nach hinten losgehen können. Vergleichbar mit der Homöopathie, die von vielen belächelt und als Humbug abgetan wird, von anderen als Medizin die bevorzugte ist. Zu beweisen, dass sie wirkt, ist schwierig. Ist es Plazebo, wäre man auch so gesund geworden oder schafft sie es wirklich, den Körper zu kräftigen? Denn darum geht es in der Biodynamie: die Reben und den Boden zu stärken und widerstandsfähig zu machen gegen Krankheiten, Schädlinge und Wetterauswüchse.

Im Weinbau kann man immerhin u.a. die Vitalität von Boden und Rebstock untersuchen und aus den Ergebnissen Schlüsse ziehen. Es dürfte allerdings eine ordentliche Herausforderung sein, sich auf Forschungsmethoden und Fragestellungen zu einigen. Und dann: Um valide Ergebnisse zu erhalten, müssen die Böden, Hangneigungen und -ausrichtungen sowie Mikroklimata so gut wie ident sein. Selbst, wenn die entsprechenden Parzellen direkt nebeneinander liegen, kann es eine geringe Abweichung in der Hangneigung geben und diese zu anderen Ergebnissen führen. Schlussendlich musste man auch noch die Unterschiede zwischen bio und biodyn wissenschaftlich runterbrechen. Man kam zum Schluss, dass der einzig greifbare Unterschied die biodynamischen Präparate (Tees, Hornmist- und Hornkieselpräparate, Kompostpräparate) sind. Wichtig ist auch die Langfristigkeit des Versuchs, denn nur dann können aussagefähige Ergebnisse zustandekommen, Wetterkapriolen inkludiert.

Wie also schaut es aus in den Weingärten?
Was die Biodiversität und Bodenbiologie (das Zusammenspiel von Pilzen, Bakterien, Bodenlebewesen und Pflanzen) betrifft, kann man anhand ihrer offenbar die drei Weinbauweisen inzwischen klar voneinander unterscheiden:

  • Die ökologische und biodynamische weisen mehr Enzymaktivität und mehr pilzliche und bakterielle Biomasse auf sowie auch deutlich andere Bodenpilze und mehr Bakterienarten.
  • Der Wuchs der Reben in den Bio-Methoden ist ausgeglichener: geringere Wüchsigkeit, geringere Trieblänge, verminderte Geiztriebbildung. Dies sind deutliche Effekte der biologischen Weinbauweise und vor allem der biodynamischen.
  • Die Blattstellung verändert sich nach der biodynamischen Ausbringung des Hornkieselpräparates: Die Blätter zeigen trichterförmig zur Sonne (hier steht der wissenschaftliche Nachweis noch aus).
  • Das Wasserpotenzial in den Reben ist bei der biodynamischen Anbaumethode am besten, weiters ist der Phosphatgehalt in der Rebe höher.
  • Ja und dann das Kupfer! Für alle Bio-Winzer essentiell, da nur dieses Mittel gegen Pilze im Weingarten zugelassen ist und hilft. Als Schwermetall reichert es sich im Boden an und führt deshalb immer wieder zu heftigen Diskussion. Abgebaut wird es nur sehr langsam, aber doch. »Gealtertes Kupfer« ist in den Boden eingebunden und nicht mehr bioreaktiv.
    Nun dürfte es so sein, dass die heutigen Rückstände hauptsächlich aus alten Spritzungen stammen. In den 1950er-Jahren wurden oft 40 Kilogramm und mehr pro Hektar ausgebracht. Heute sind je nach Richtlinien nur noch maximal 3 bis 4 Kilogramm erlaubt. Saure Böden weisen übrigens mehr toxischen Anteil aus, es liegt also auch an der Art des Bodens, wieviel Kuper er verträgt. Hinzu kommt der Humusanteil, je größer dieser ist, umso besser die Kupfer-Verträglichkeit.
    In biologisch bewirtschafteten Böden wurden  – Gott sei Dank! – keine negativen Auswirkungen des Kupfereintrags nachgewiesen. Im Gegenteil wurde trotz leicht erhöhten Kupfergehalts mehr mikrobielle Aktivität und Biodiversität in den Böden festgestellt. Eine enorm wichtige Erkenntnis, da Gefahr besteht, dass die EU wegen möglicher Toxizität Kupfer für den biologischen Weinbau verbietet.
  • Die Reaktion von Reben auf den durch den Klimawandel bedingten erhöhten CO2-Gehalt in der Luft ist mehr Photosynthese und damit verbunden mehr Wüchsigkeit und Wasserbedarf. Im Bioanbau kann durch den erwiesenermaßen höheren Humusanteil mehr Wasser im Boden gebunden werden, womit die Rebe besser versorgt wird.
  • CO2 wird in humusreichen Böden gespeichert (CO2-Senke), aus humusarmen Böden emittiert. Ohne Mineralöldüngung und mit guter Begrünung wirkt man stickstoffbasierten Emissionen in Boden und Wasser entgegen. Biodiverse Böden sind also ein unabdingbares Mittel gegen den Klimawandel. Zudem können Bio-Spritzmittel mit deutlich weniger Energie (und CO2-Ausstoß) hergestellt werden als synthetische Produkte.
  • Was die Analytik der Weine betrifft, kommt die Forschung zur Zeit nicht weiter. Säuregehalt, Alkohol, ph-Wert und so weiter seien sehr ähnlich. Die Weine würden aber trotzdem anders schmecken.
  • Die sogenannte »bildschaffenden Methode«, ebenfalls wissenschaftlich nicht verifiziert, untersucht die Kupferchloridkristallisation in Most und Wein. Je nach Anbaumethode sieht diese anders aus und kann ihr eindeutig zugeordnet werden.
  • In der biodynamischen Landwirtschaft zählt auch der gesellschaftliche und soziale Aspekt, das Menschsein. Rudolf Steiner hat die Nachhaltigkeit mit ihren drei Säulen Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft vorformuliert.

Alles in allem sind diese Erkenntnisse wichtig für den Weinbau und seine Zukunft. Sie bewirken hoffentlich auch einen weniger streitbaren Umgang der konventionellen und biologischen Winzer miteinander. In diesen schwierigen Tagen ist es an der Zeit auch für innere Ruhe und Reife zum Wohl der Zukunft des Weinbaus.

Danke, Romana, für dieses wertvolle Buch!

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