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Zum Missverständnis »biologischer versus nachhaltiger Weinbau«


Es ist inzwischen ein etwas leidiges Thema. Regionale und überregionale Wein-Nachhaltigkeitszertifizierungen, die die Gemüter erregen. Bio-Winzer & -Winzerinnen, die sich zu Recht auf den Schlips getreten fühlen und denen trotzdem meist der Blick auf das große Ganze fehlt. Und wie immer liegt es an der Kommunikation. Ein Versuch der Richtigstellung.

April 2021

Österreichs Weinbauverband begann bereits vor über zehn Jahren an einem nationalen Nachhaltigskeitssiegel für Wein zu arbeiten, das 2014 unter dem Namen »Nachhaltig Austria« lanciert wurde. Nach und folgten andere Länder und Regionen, inzwischen hat sogar Großbritannien ein eigenes Wein-Sustainability-Label. Allen gemein ist einerseits ein hehres Ziel und andererseits ein niedriges Einstiegsniveau und der Vorwurf des Greenwashing. Hierzulande gehen deshalb immer wieder die Wogen hoch. Speziell im Frühjahr, wenn in den Social Media Bilder von zertifizierten Weingärten mit Herbizidstreifen die Runde machen.

Besonderer Anlassfall für wilde Diskussionen war ein unlängst in der Wiener Wochenzeitung »Falter« veröffentlichter und auf Facebook intensiv diskutierter Artikel von Juliane Fischer. Ist bio besser als nachhaltig oder umgekehrt und worum geht es hier eigentlich?

Nun, ich denke, dass hier ein grundsätzliches Missverständnis vorliegt. Wenn wir an die drei Säulen der Nachhaltigkeit - Ökologie, Ökonomie, Gesellschaft - denken, wird schnell klar, dass der (ökologische) Weinbau sich hier einfügt und man die Dinge nicht auseinander dividieren kann. Welche Bereiche die drei Säulen im Weinbau umfassen, können Sie kompakt in meiner Präsentation »Zukunft denken im Weinbau« nachlesen. Der Begriff Nachhaltigkeit in seiner inflationären Verwendung im Allgemeinen und im Weinbau durch Siegel wie »Nachhaltig Austria« im Speziellen wurde über die Jahre verwässert. Gäbe es ein besseres Wort, wäre er wohl längst ersetzt.

Was versteht man nun unter nachhaltigem Unternehmertun? Nehmen Sie sich zehn Minuten Zeit, nach diesem Film der Universität St. Gallen sind alle Fragen beantwortet. Ganz am Anfang steht das explizite Bekenntnis eines Unternehmens, einer Organisation, einer Branche, einer Region oder eines ganzen Landes zur Nachhaltigkeit. Weiters, dieses in die Gesamtstrategie zu übernehmen und auf allen Ebenen mitzudenken. Als Nächstes braucht es die intensive Auseinandersetzung in Form einer Wesentlichkeitsanalyse: Wo habe ich einen - wesentlichen - Einfluss auf Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft? Und was ist umgekehrt für mein Prosperieren wesentlich und überlebenswichtig? Erst, wenn ich diese Antworten kenne, kann ich an meine Planungen gehen. Unterstützung und Anleitung gibt es auf vielerlei Ebene. Sei es, dass man sich an die Richtlinien und Vorgaben für die Erstellung eines Nachhaltigkeitsberichts (z.B. GRI) hält und gegebenenfalls als positive Nebenwirkung auch gleich diesen Bericht mit erstellt. Oder dass man sich an einem Leitfaden wie der ISO26000 (einem internationalen Standard für nachhaltige Organisationen) abarbeitet. Oder, dass im Idealfall eine entsprechende Strategie für die Branche bereits vorliegt und man sich unvermittelt an die Umsetzung machen kann. Nachhaltig Austria (NHA) wäre eine solche für den Weinbau und umfasst alle relevanten Kriterien.

NHA wurde auf Basis wissenschaftlicher Forschung in Kooperation mit namhaften Instituten erarbeitet, die Erkenntnisse sind in eine umfassende Nachhaltigkeits-Strategie für die Weinbranche eingeflossen. (Sie können bei Interesse in Kapitel 10 meiner Arbeit »Evaluierung der Nachhaltigkeits-Zertifizierung Nachhaltig Austria für den österreichischen Weinbau unter Berücksichtigung der Sustainable Development Goals und spezifischer Stakeholderbedürfnisse.« aus dem Jahr 2016 nachgelesen werden.) NHA bildet alle Bereiche sorgfältig ab - und hier endet leider das Hohelied. Denn in der Umsetzung wurden die Vorgaben für eine Zertifizierung nach unten nivelliert. Das Einstiegsniveau wurde bewusst niedrig angesetzt, damit für möglichst viele Winzer:innen eine Zertifizierung möglich und möglichst problemlos ist. Es geht ja auch ums Geld und ums nationale wie internationale Renommee dieser Zertifizierung. Statt klarer Vorgaben und Verbote gibt es Empfehlungen. Statt Zielvorgaben (wo bleiben die Klimaziele??) Stillstand.

Zurück zur Wesentlichkeitsanalyse. Was ist das Wesentlichste für ein Weingut? Es ist der Boden! Mit ihm steht und fällt die wirtschaftliche Stärke und der Fortbestand des Hofes. Ist der Boden gesund, wird er mich und meine Familie lang ernähren. Weist er eine hohe Biodiversität auf, dann wirkt er als CO2-Senke und trägt zum Wohl der Gesellschaft bei. Ist er ausgelaugt und ohne Begrünung, emittiert er CO2 und fördert den Klimawandel. Ist er ausgelaugt, verliert er auch an Wert aus Sicht der Finanzwirtschaft. Ist er hingegen vital und humusreich, steigt sein Marktwert. Der wahre Wert des Bodens ist tatsächlich in der Finanz angekommen, siehe mehr dazu unter True Cost Accouting of Soil! Empfehlenswert auch dieser plakative 5-minütige Film Let's Talk About Soil des World Food Institute (in deutscher Sprache).

Ein Wein-Nachhaltigkeitssiegel hat daher die Aufgabe, den Boden zu schützen und seine Biodiversität zu fördern. Chemisch-synthetische Herbizide und Pestizide gehören verboten. Weiters bedarf es großer Anstrengung und Unterstützung der Forschung für den Ersatz von Kupfer und Schwefel. Ergebnisse von INBIODYN, einem vergleichenden Versuchsprojekt an der Uni Geisenheim von konventionellem, biologischem und biodynamischem Weinbau sind übrigens von Master of Wine Romana Echensberger in ihrem 2020 erschienenen Buch »Von der Freiheit, den richtigen Wein zu machen« publiziert und hier zusammengefasst. Kupfer zum Beispiel wird nämlich je nach Bodenfertilität unterschiedlich prozessiert.

WAS GENAU IST NUN DIESES NACHHALTIG AUSTRIA?
Es ist ein unkomplizierter Leitfaden für eine Weinbau-Nachhaltigkeitsstrategie und ein/e
- Handlungsanleitung für nachhaltigen Weinbau
- praktischer Fahrplan durch alle Kernbereiche
- Selbst-Evaluierungstool
- Zertifizierung durch unabhängige Kontrollstellen (z.B. Lacon)

Warum das Nachhaltigkeitslabel ins Leben gerufen wurde
- als international vergleichbares Zertifikat (auf Druck des LEH)
- um dem Klimawandel entgegenzuhalten
- um den Konsumentenwünschen nach nachhaltigen Weinen zu entsprechen
(siehe hierzu meine Konsumentenbefragung 2016, S. 40)

Vorteile & Nachteile von »Zertifiziert Nachhaltig Austria«
Vorteile
-
einfacher Einstieg
- Leitfaden durch alle drei Säulen
- deckt alle Bereiche ab
- reduziert Komplexität
- gibt einen raschen Überblick
- niederschwellig
- Selbstevaluierung kostenlos
- Audit kostengünstig

Nachteile
- Konsumenten erwarten bio
- kein Verbot von chemisch-synthetischen Herbiziden und Pestiziden (ausgenommen Glyphosat)
- viele Empfehlungen statt klarer Vorgaben
- deshalb geringe Beteiligung von Bio-Betrieben
- Re-Zertifizierung nur alle drei Jahre
- Auswertung nicht in Kennzahlen
- keine Zielvorgaben (Klimaziele!)
- unter Konsumenten kaum bekannt

Mögliche Entwicklungsschritte & Ziele: Zertifiziert Nachhaltig Austria & Zertifiziert Nachhaltig Austria Gold. Mit den hier angeführten Vorgaben wäre Österreich internationaler Vorreiter und könnte sich weltweit als einzig wirklich nachhaltiges Weinland positionieren:

-
Ergebnisse auch als valide Kennzahlen (KPI) und nicht nur als Diagramm. Nur, wenn ich weiß, wo ich stehe, kann ich entscheiden, wohin ich gehe.
- verpflichtende Konformität mit den Klimazielen (40 % CO2-Reduktion bis 2030, Anteil von Energie aus erneuerbaren Quellen von mind. 32 %, Steigerung der Energieeffizienz um mind. 32,5 %)
- Verbot von chemisch-synthetischen Herbiziden & Pestiziden
- verpflichtende Biodiversitäts-Maßnahmen im Weingarten
- klare Richtlinien statt Empfehlungen
- schärfere Kontrollen
- jährliche Re-Zertifizierung
- Nachhaltig Austria Gold = bio als Anreiz für die nächste Stufe

Denn echte Nachhaltigkeit ist immer Entwicklung! Mit einem zweistufigen Siegel schaffe ich Anreize und ein Dach, unter dem sich alle Winzer:innen angesprochen fühlen. Diskussionen dürfen und sollen bleiben, alles andere wäre Stillstand. Abschließend sei gesagt, dass es an Aufklärung und Kommunikation bedarf, damit Produzenten, Handel und Konsument:innen gleichermaßen wissen, wovon die Rede ist.

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